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Der „Bihl’sche Wagen“ von 1841

Ein Stück Waiblinger Wirtschaftsgeschichte, nach historischem Vorbild von den Mitgliedern des Heimatvereins nachgebaut für den Landesfestumzug am 14. September im Rahmen der Heimattage 2014.

Wir schreiben den 28. September 1841, es ist der Tag nach dem 60. Geburtstag seiner Majestät König Wilhelms I. von Württemberg. 25 Jahre zuvor, im Herbst des Jahres 1816, hatte er den Thron bestiegen und Württemberg aus größter Not heraus zu wirtschaftlicher Blüte und innenpolitischer Stabilität geführt. Zur Feier des Thronjubiläums wälzte sich ein endloser Festumzug von fast 10.000 Fußgängern und über 600 Reitern unter Glockengeläut aller Kirchen durch die Stuttgarter Innenstadt. Über 200.000 Zuschauer stehen an den Straßen - die schwäbische Residenzstadt selbst hat zu dieser Zeit gerade mal 40.000 Einwohner. Höhepunkt des Zuges sind 23 aufwändig geschmückte Festwagen, die einzelne Regionen und Städte repräsentierten und mit den typischen Waren und Produkten sowie neuesten technischen Errungenschaften dekoriert sind. Auch Waiblingen hat einen Festwagen nach Stuttgart geschickt: Stolz präsentiert man die Erzeugnisse des damals führenden Fabrikationsbetriebes der Stadt, der Tonröhrenfabrik der Gebrüder Ernst und Jakob Bihl.

Eine Gruppe engagierter Heimatvereinsmitglieder hat dieses beachtenswerte Stück Waiblinger Industriegeschichte nach 173 Jahren wieder auf den Weg gebracht. Über Monate wurde am originalgetreuen Nachbau des 'Bihl'schen Wagens' gezimmert, gebastelt, gabaut und gewerkelt. Der Wagenunterbau, ein ausgeliehener Pferderückwagen von der Schwäbischen Alb, wurde mit Unterstützung des Städtischen Bauhofs mit einer aufwändigen Holzkonstruktion versehen. Im Stadtarchiv entstanden Nachbildungen der Wagenbemalung, ausgeplottet auf stabile Kunstofffolie. Mit Unterstützung von Frau Isabell Hess, Nachfahrin einer Ziegelfabrikanten-Dynastie, konnten originale Tonwaren aus Waiblinger Produktion als Schaustücke auf den Wagen montiert werden. Echte "Bihl'sche Röhren" findet man heute nur noch im Museum, hier musste man sich mit Kunstoffware aus dem Baumakrt aushelfen - bei all dem prächtigen Blumenschmuck fiel's gar nicht auf. Zum großen Landesfestumzug, dem traditionellen Abschluß und Höhepunkt der Waiblinger Heimattage 2014, konnte das Schmuckstück den staunenden Zuschauern präsentiert werden, begleitet von Heimatvereinsmitgliedern in passenden historischen Kostümern.

Begonnen hatte alles im Jahre 1760, als Jacob Friedrich Bihl eine kleine Lehmziegelhütte vor dem Fellbacher Tor kaufte. An diesem Ort, wo heute der Neubau des Landratsamtes steht, sind Ziegeleibetriebe bereits seit dem 15. Jahrhudert belegt. Der zur Ziegelproduktion benötigte Lehm wurde im Flur „Bildstöckle“ an der Rems, unweit der „Geheimen Mühle“ in Beinstein, gewonnen. Auf diesem Gelände wurden beim Lehmabbau in den 1820er Jahren die Überreste einer römischen Töpferei entdeckt. Zu den geborgenen Fundstücken aus dem 2. und 3. Jahrhundert gehörten auch irdene Röhren die sich als historische Wasserleitungsrohre aus Ton herausstellten.

Georg Friedrich Bihl, Sohn von Jacob Friedrich Bihl, war 1789 in die väterliche Fabrik eingetreten und erkannte das große wirtschaftliche Potenzial, dass in dieser längst vergessenen Technik steckte: Die damals gebräuchlichen und hygienisch bedenklichen hölzernen Wasserleitungsrohre durch tönerne zu ersetzen. In wenigen Jahren führte er die väterliche Ziegelhütte durch diese innovative Idee vom kleinen Handwerksbetriebe zu Waiblingens erstem großen Industriebetrieb. Sein Sohn Ernst erfand 1823 eine hydraulische Presse, mit der die „Bihl‘sche Röhre“ maschinell in großen Stückzahlen gefertigt werden konnte, was die Firma Bihl zu einer der ersten Fabriken mit maschineller Produktion im ganzen Königreich machte. Auch die traditionelle Herstellung von Dachziegeln wurde fortgeführt. Als die „Württembergische Feuerkasse“, der Vorgänger der späteren Gebäudebrandversicherung, dann auch noch die Regulierung von Feuerschäden davon abhängig machte, ob die Gebäude mit Tonziegeln eingedeckt waren, stand dem Waiblinger Ziegeleigewerbe ein weiterer Umsatzschub ins Haus.

Der wirtschaftliche Erfolg währte nicht lange - bereits um das Jahr 1850 waren die Gebrüder Bihl, die mit dem Festwagen zum Regierungsjubiläum des Königs im Jahr 1841 den Ruhm Waiblingens als „Stadt des guten Tons“ ins Land trugen, in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Hermann Hess, der durch Erbschaft, Heirat, und sein unternehmerisches Talent als Postmeister zu Vermögen gekommen war, übernahm den finanziell angeschlagenen Betrieb im Jahr 1857. Noch bis ins Jahr 1906 wurde, an dem seit Jahrhunderten ausgewiesenen Standort vor dem ehemaligen Fellbacher Tor, dieses traditionelle Handwerk von den Nachfahren des Hermann Hess ausgeübt. 1916 vernichtete ein Großbrand das große stadtbildprägende Ziegeleigebäude am alten Postplatz, dort, wo heute das Landratsamt steht.