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Text Wolfgang Wiedenhöfer

Auf dem Gelände des heutigen Rathausplatzes stand das 1634 zerstörte württembergische Schloss, von dessen Existenz heute nur noch der mächtige Schlosskeller zeugt. Die Ruinen der Schlossanlage, die Schlossmauer und der 1651 auf dem Keller errichtete Herrschaftliche Große Fruchtkasten mussten 1844, 1874 bzw. 1957 verschiedenen Neubauten weichen.

Das Waiblinger Schloss stand am östlichen Rand der Altstadt auf einem zur Rems abgestuften Gelände. Ungefähr dort wo sich heute das 1957 erbaute Rathaus, der Rathausplatz und der Sitzungssaal des Gemeinderats befinden, erstreckte sich einst der obere Schlosshof. Er wurde durch eine Stützmauer, die parallel zur Stadtmauer Richtung Mühlkanal/Erleninsel lief, begrenzt. Das Gelände zum Mauergang fiel in terrassierten Stufen ab.

Abb.: Blick vom Mauergang zwischen Karzerturm und Bädertörle auf die terrassierten Mauerreste der Schlossanlage in den 1950er Jahren (1957 für den Rathausneubau abgetragen). Blickrichting Rathausplatz, in der Bildmitte die Rückfassade des 1957 abgebrochenen Rathauses, im Hintergrund die ehem. Nikolauskirche, heute Kirche Hll. Konstantin und Helena
Foto Heimatverein Waiblingen (Archiv Schwarzmaier)


Der untere Schlosshof, auch ‚Untere Hofstatt‘ genannt, befand sich dort, wo heute die Fahrzeuge der Waiblinger Verwaltungsspitze parken, beim Abgang zum Schlosskeller. Hier lagen die Scheuern, Lager- und Wirtschaftsgebäude des Schlossbezirks.

Wie die beiden Schlosshöfe bebaut waren, wie das Waiblinger Stadtschloss ausgesehen haben mag, entzieht sich bis heute unserer Kenntnis. Durch die Zerstörung aller Archive beim Stadtbrand 1634 gingen sämtliche Unterlagen zur ehemaligen Schlossanlage verloren, es sind keinerlei Zeichnungen oder Pläne von den Gebäuden überliefert. Eine grobe bildliche Darstellung bietet die älteste bekannte Waiblinger Stadtansicht aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, die das Schloss als Gebäude mit steinernem Sockel und aufgesetztem Fachwerkstock zeigt. In einer alten Chronik wird das Schloss als „... weitläufig und ohnachtbar Haus ...“, also als ein großes aber unspektakuläres Zweckgebäude beschrieben. Mehr Informationen über das alte Schloss und wie der Schlossbereich baulich strukturiert war, sind derzeit nicht bekannt.

Abb.: Gesamtansicht von Waiblingen um 1535 mit der einzigen überlieferten Darstellung des Waiblinger Schlosses (Hans Schäuffelein)
Museumssammlung der Stadt Waiblingen, Inv.Nr. 90/168


Das Schloss war Arbeits- und Wohnort für herrschaftliche Amtsleute und deren Familien, also für württembergische Beamte, die von hier aus das Amt Waiblingen verwalteten. Auch die regierenden württembergischen Landesherren befanden sich wiederholt zumindest für Amtsgeschäfte im Schloss. So sind aus den Jahren 1344-1366, 1427, 1432, 1439 und 1441 herrschaftliche Urkunden erhalten, die in Waiblingen ausgestellt wurden. 

Das Waiblinger Stadtschloss diente als Absteigequartier und zeitweilig sogar als Residenz, also fester Wohnsitz für Mitglieder des Herrscherhauses. Prinzessin Anna, Tochter Eberhards IV., wird 1408 in Waiblingen geboren, wie auch ihr Bruder Ludwig I. 1412 und sicherlich auch der zweite Bruder Ulrich V.. Graf Eberhard IV. stirbt 1419 in Waiblingen, Graf Ludwig II. wird 1439 in Waiblingen geboren, ebenso 1445 Graf Eberhard VI., der spätere zweite Herzog von Württemberg. Möglicherweise wurde in den 1440er Jahren, während der Landesteilung Württembergs zwischen den Brüdern Ludwig I. und Ulrich V., Waiblingen sogar als Hauptsitz einer der beiden Herrscherlinien angedacht, nach der Wiedervereinigung beider Landesteile im Münsinger Vertrag 1482 wurde dieser Plan dann aber wieder hinfällig. Ab dann scheint der adelige Glanz des Waiblinger Schlosses zu verblassen, nach dieser Zeit sind keine gesicherten Belege über den Aufenthalt von Mitgliedern der württembergischen Herrscherfamilie in Waiblingen mehr vorhanden.

Beim großen Stadtbrand 1634 wurden das Schloss und alle Gebäude im unteren Schlosshof größtenteils zerstört. Nur Mauerreste blieben stehen, die beim Wiederaufbau der Stadt teilweise in neue Bauvorhaben einbezogen wurden: Ein Teil der oberen Schlosshofmauer steckt heute noch in der Nordostecke des Gebäudes Marktplatz 6 (früher Kurze Straße 29, ehemals Gasthaus Traube, heute Restaurant Bachhofer).

Der obere Schlosshof wurde 1651 mit einer großen Scheuer (Zehntscheuer, auch „Großer Kasten“ genannt) überbaut. Vermutlich diente dieses Gebäude auch als Kaserne für die von Februar 1813 in Waiblingen einquartierte Schwadron des „Jäger Regiments zu Pferd Herzog Louis Nr. 3“.

Abb. Reste der Schlosshofmauer im Gebäude Marktplatz 6
Foto: Wiedenhöfer


Das mit Schießscharten versehene gemauerte Erdgeschoss des Kleinen Kastens (Kurze Str. 31), heute Sitzungssaal der Stadtverwaltung, ist ein Teil der ehemaligen Umfassungsmauer des unteren Schlosshofes.

Abb. Kleiner Kasten in der Kurzen Straße, der steinerne Sockel mit Schießschadrten ist ein Rest der ehemaligen Schlosshofmauer 
Foto: Wiedenhöfer


An der Stadtmauer über dem Mühlkanal hatte sich noch bis ins 20. Jahrhundert die steinerne Mauerruine eines Gebäudesockels der ursprünglichen Bebauung erhalten, der als sogenannter 'Dekanatsgarten' genutzt wurde und im Rahmen der Neugestaltung des Areals für den Rathausneubau 1957 abgetragen wurde.

Abb.: Blick vom Alten Dekanat in den Dekanatsgarten mit Mauerruinen der ehemaligen Bebauung des unteren Schlosshofes 
Foto Heimatverein (Fotoarchiv Schwarzmaier)

Abb.: Der ehemalige Schlossbereich auf dem Waiblinger Stadtplan von 1832, in der Bildmitte die große Zehntscheuer auf dem ehemaligen oberen Schlosshof (187) und die Mauerruine mit dem Dekanatsgarten (518) im ehemaligen unteren Schlosshof; Linker oberer Bildrand Altes Rathaus (198)/Marktplatz, Bildmitte oben Kleiner Kasten (209) rechter Bildrand Mauergang/Rems/Erleninsel, linker unterer Bildrand ehem. Nikolauskirche, heute Kirche Hll. Konstantin und Helena (180)/Apothekergärtlein (325)
Waiblinger Urkartenblatt (1825-1832), mit freundlicher Genehmigung: © Landratsamt Rems-Murr-Kreis, Amt für Vermessung und Flurneuordnung 


1862 kaufte die Stadtgemeinde das ehemalige Schlossgelände vom Staat Württemberg. Die Zehntscheuer wurde später abgerissen und durch den ersten Rathausneubau (1875) ersetzt. Letzte Reste der remsseitigen Schlosshofmauer und Ruinenreste der Schlosses wurden 1957 für den Rathausneubau abgetragen.

 

SCHLOSSGELÄNDE
Rathausplatz - Traube - Quaderhaus - Kleiner Kasten
zusammengestellt aus Anlaß des Tages des Offenen Dankmals 2003
Promies, Joachim (2003), Archiv Heimatverein Waiblingen e.V.

 

Quellen:

LORENZ, Sönke: Waiblingen - Eine Stadtgeschichte; Markstein Verlag (2003)

SCHAHL, Adolf: Baugeschichte des Schlosses Waiblingen; in: Heimat-Glocken, Beilage der Waiblinger Kreiszeitung Nr. 7 v. 9. April 1958

RAFF, Gerhard: Hie gut Wirtemberg allewege - d. Haus Württemberg v. Ulrich d. Stifter bis Herzog Ludwig; DVA Deutsche Verlags-Anstalt (Stuttgart 1988)

Heimatverein Waiblingen e.V.; Archiv